Warum, wofür und wie lang streikt die GDL eigentlich?

Train Station In BratislavaFoto ©Bigstock

Die Positionen der Akteure

  • Ulrich Weber: Personalvorstand der Bahn
    Ulrich Weber (60), Verhandlungsführer der Bahn, ist seit Juli 2009 Personalvorstand. Zuvor war er Arbeitsdirektor beim Chemiekonzern Evonik. Weber strebt einen einheitlichen Tarifvertrag für die gesamte Berufsgruppe an. Die GDL vertritt die Mehrheit der Lokführer, aber nicht das Zugbegleitpersonal. In der Bordgastronomie hat die Zahl der Streikenden im einstelligen Bereich gelegen. Weber hofft auf politische Signale und sieht Gerichtsverfahren gegen die GDL als Ultima Ratio an.
  • Alexander Kirchner: Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)
    Im Streikgetöse der GDL geht fast unter, dass auch die größere Konkurrenzgewerkschaft EVG (100.000 Mitglieder) derzeit mit der Bahn verhandelt und noch mehr Geld fordert als die ungeliebten Kollegen (6 Prozent). Eine Kooperation der Gewerkschaften ist auch deshalb schwer vorstellbar, weil sich Kirchner und GDL-Boss Weselsky nicht ausstehen können. Beide indes werden eine Kröte schlucken müssen. Insider sagen: Die GDL könnte sich das Recht erkämpfen, auch andere Berufsgruppen bei der Bahn zu vertreten, wenn sie dort die Mehrheit hat. Im Gegenzug könnte Kirchner unterschiedliche Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe verhindern.
  • Andrea Nahles: Bundesarbeitsministerin (SPD)
    Sie ist die Frau, auf die alle warten. Das Gesetz zur Tarifeinheit, das Nahles im November vorlegen will und das am 3. Dezember ins Kabinett soll, könnte Spartengewerkschaften an die Kette legen. Im Streitfall würde künftig nur der Tarifvertrag der Gewerkschaft gelten, die eine Mehrheit der Beschäftigten im Betrieb vertritt. Ob die unterlegene Konkurrenz dennoch streiken darf? Wie zu hören ist, will die Große Koalition dies aus Angst vor dem Bundesverfassungsgericht nicht explizit verbieten. Nahles schiebt die Streikfrage so den Arbeitsgerichten zu.
  • Claus Weselsky: Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)
    Der Dresdner Führt die GDL seit 2008 und hat sich als harter Hund mit einem Hang zu verbalen Entgleisungen erwiesen. Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn, eine um zwei Stunden sinkende Arbeitszeit und will künftig neben Lokführern auch das restliche Zugpersonal organisieren. Den Tarifkonflikt führt Weselsky derart kompromisslos (Kritiker sagen rücksichtslos), dass auch intern die Kritik wächst. Gerüchten zufolge soll es erste Austritte geben, weil Lokführer nicht zum Hassobjekt der Nation werden wollen. 2013 gründete sich eine „Initiative für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der GDL“. Immerhin: Ende Oktober gab es eine Streikpause.
  • Reiner Hoffmann: Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes
    Der 59-jährige unterstützt die DGB-Mitgliedsgewerkschaft EVG gegen die Lokführerfunktionäre: „Wenn die GDL den Konflikt will, kann sie ihn haben.“ Um Frieden zwischen großen und kleinen Gewerkschaften zu schaffen, schlägt er Tarifgemeinschaften vor. Hoffmanns Problem: Im eigenen Haus ist die Gemengelage kompliziert. Zwar gehen die Pläne der Bundesregierung, den Einfluss von Spartengewerkschaften zu begrenzen, auf ein gemeinsames Papier von DGB und Arbeitgebern zurück. Verdi ist jedoch auf Druck der Basis zurückgerudert. Auf dem jüngsten DGB-Kongress gab es einen Kompromiss: Tarifeinheit ja, Einschränkung des Streikrechts nein. Nicht wenige Juristen halten dies für unvereinbar.
  • Klaus Dauderstädt: Vorsitzender des Deutschen Beamtenbundes (DBB)
    Vor Kurzem erreichte Dauderstädt ein geharnischter Brief des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann. Er möge endlich die unter dem Dach des Beamtenbundes organisierte Lokführergewerkschaft mäßigen. Einfluss auf die GDL hat Dauderstädt durchaus, fordert diese doch eine finanzielle Unterstützung durch den Dachverband, um ihre eigene Streikkasse zu entlasten. Prinzipiell stehen der GDL, ab einer Streikdauer von drei Stunden bis zu 50 Euro pro Person und Tag zu, sofern die Bahn die Gehälter kürzt. Einen direkten Zugriff auf das Geld hat die GDL aber nicht. Sie muss alle Streikaktionen intern dokumentieren. Die Entscheidung über die Zahlungen trifft die Bundestarifkommission des DBB.

Chronologie der Streiks und Warnstreiks der GDL

  • Oktober 2007
    Binnen weniger Wochen kommt es mehrmals zu Ausständen. Allein am 25./26. Oktober fallen rund 18.000 Regional- und S-Bahnen aus, etwa 2,7 Millionen Pendler sind betroffen. In Ostdeutschland kommt der Zugverkehr nach Bahnangaben fast komplett zum Erliegen.
  • November 2007
    62 Stunden lang vom 14. bis zum 17. November fahren keine Güterzüge. Die Streiks im Personenverkehr dauern 48 Stunden. Der monatelange Tarifstreit wird erst im Frühjahr 2008 beigelegt.
  • Februar 2011
    Am 22. Februar fallen wegen eines zweistündigen Warnstreiks Züge und S-Bahnen aus. Die GDL fordert einheitliche Standards für alle Lokführer bei allen Bahnbetreibern. Ein bundesweiter Streik am 09./10. März umfasst auch DB-Konkurrenten.
  • September 2014
    Ein bundesweiter Warnstreik bei der DB am 1. September betrifft Pendler, Fernreisende und den Güterverkehr. Ein weiterer, dreistündiger Warnstreik beeinträchtigt die Bahnfahrer am 6. September.
  • Oktober 2014
    Am 7. und 8. Oktober findet eine Urabstimmung der GDL-Mitglieder mit anschließender neunstündiger Arbeitsniederlegung statt. Hunderte Fern- und Güterzüge sowie über 2.500 Nahverkehrszüge und zahlreiche S-Bahnen vor allem in Ballungsgebieten stehen wegen des Streiks still. Am 15. Oktober streiken die Lokführer ab 14 Uhr, für 14 Stunden. Während eines 50-stündigen Streiks am Wochenende (18. – 20. Oktober) in den Herbstferien konnte die DB mit einem Not-Fahrplan ein Drittel des Fernverkehrs aufrecht erhalten.

Bildquelle:
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