Schulzmania: Der rasante Aufstieg des Martin Schulz

Martin SchulzFoto ©Bigstock
Vom Ruck in der SPD ist die Rede, vom Anpacken und von Aufbruchstimmung. Als ob die Welt von einem Moment auf den anderen eine andere geworden wäre. Freilich bislang nur die Welt der SPD. Aber seit der Kandidatur von Martin Schulz und dem Rückzug von Sigmar Gabriel hat sich vieles verändert…

Das Phänomen aus Würselen

Martin Schulz, mittlere Reife nach zweimal Sitzenbleiben auf dem Gymnasium. Höchster beruflicher Abschluss eine Lehre als Buchhändler. Spricht Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Niederländisch, und zwar fließend. Er stammt aus einem für Deutschland fast schon repräsentativen Elternhaus: Der Vater Sozialdemokrat, die Mutter gründet gemeinsam mit anderen konservativ-katholischen Kräften den CDU-Ortsverband Würselen. Martin Schulz ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten, ohne das Erbe der katholischen Mutter auszuschlagen. Sein Verhältnis zum Glauben ist respektvoll und distanziert zugleich:

„Ich bin selbst kein sehr gläubiger Mensch, aber ich bin ein Jesuitenschüler und stamme mütterlicherseits aus einer sehr katholischen Familie. Die Kirche hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt und spielt sie noch heute, ebenso für unsere Gesellschaft als Ganzes, gerade auch was den sozialen Zusammenhalt betrifft.“ im Domradio.de.

Er war Fußballspieler mit Perspektive, Bürgermeister von Würselen, mit 31 Jahren damals der jüngste in NRW, Alkoholiker und gemeinsam mit der Schwester erfolgreicher Unternehmer als selbständiger Buchhändler.

Kein Akademiker, und schon gar kein Jurist und Betriebswirt

Martin Schulz hat Erfolg im Leben gehabt. Der 61-Jährige war bis vor kurzem Präsident des europäischen Parlaments, er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Dennoch ist sein Leben geprägt von Ecken und Kanten. Eine schwere Knieverletzung stoppt abrupt die Fußballkarriere; der Alkoholismus, mit dem Schulz offen umgeht, führt ihn an den Rand des Abgrunds. Ein mittlerer Bildungsabschluss ohne Studium erinnert an die Zeiten, in denen Georg Leber vom Maurergesellen über die Gewerkschaft zum erfolgreichen Bundespolitiker aufsteigen konnte.
Martin Schulz ist es bislang gelungen, aus seinen – vermeintlichen – Defiziten mehr als das Beste zu machen. Er ist nicht akademisch geprägt – und dennoch redegewandt; Schulz ist katholisch – aber „kein sehr gläubiger Mensch“; er pflegt eine enge Verbindung zu seiner provinziellen Herkunft – und ist gleichzeitig ein polyglotter Europäer und Weltbürger.

Martin Schulz – mehr interessanter Nachbar als Politiker

Keine Frage, Martin Schulz ist das, was man einen Vollblutpolitiker nennt. Sein Vorteil aber ist, dass er in vielen Situationen nicht so wirkt wie das Klischee eines Politikers, sondern authentisch erscheint. Nicht volkstümlich, sondern ehrlich, viele Menschen werden bei Schulz davon ausgehen, man dürfe ihn beim Wort nehmen.

Seine herausragende Position als Europapolitiker hat eine Geburtsstunde. Im Sommer 2003 übernimmt Italien in Gestalt von Ministerpräsident Silvio Berlusconi den EU-Vorsitz. Damals war Martin Schulz stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Als solcher stellt Schulz kritische Fragen an Berlusconi, Fragen, die damals in der Luft lagen, die aber offensichtlich niemand deutlich zu stellen wagte. Von einem Moment auf den anderen gewinnt das Europäische Parlament allein durch dieses kritische Nachfragen des damals weitgehend unbekannten Europapolitikers Martin Schulz an Bedeutung und politischem Gewicht. Die Tageszeitung „Die Welt“ bringt es auf den Punkt:

„Schulz, der seine rheinische Herkunft und den typischen Singsang bei Gesprächen und Reden nicht verleugnen kann, ist gelungen, wovon Intellektuelle wie Jürgen Habermas geträumt haben. Er hat mit seiner Kritik an Berlusconi und dessen Ausfällen eine europäische Öffentlichkeit geschaffen.“

(Quelle: https://www.welt.de/print-welt/article244012/Der-Mann-der-Berlusconi-aus-der-Fassung-brachte-Martin-Schulz.html)

Das rechte Wort zur rechten Zeit

Damit hatte sich Schulz einen Namen gemacht, und zwar als einer, der den Nerv einer Sache trifft, ohne ausfällig zu werden wie sein damaliger Kontrahent Berlusconi. Der Schlagabtausch mit Berlusconi prägt das Image von Schulz bis heute, erst die Ausfälle des Italieners („Sie wären in der Rolle des SS-Kapos perfekt!„) rücken Schulz unübersehbar ins Rampenlicht. Seither konnte Martin Schulz sich diesen Ruf des offenen, ehrlichen Politikers bewahren, der zudem bereit ist, im Interesse aller Allianzen über politische Grenzen hinweg zu suchen.

Martin Schulz – ein glaubhafter Politiker

Hat Martin Schulz Charisma? Ja und nein. Er ist einer von uns, und doch ein glaubhafter Politiker. Er spricht mehrere Sprachen, bedient er sich aber seiner Heimatsprache, vernehmen die Zuhörer einen freundlich klingenden rheinischen Singsang. All das macht ihn attraktiv nicht nur für sozialdemokratische Wähler, sondern auch für all diejenigen, die sich eine verlässliche Persönlichkeit an der Spitze der Regierung wünschen. Denn es ist ja keineswegs so, dass sämtliche Wähler die Programme der zur Wahl antretenden Parteien lesen und anschließend ihre Wahl treffen. Stimmungen und Emotionen spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Viele Wähler dürften es Schulz zutrauen, dieses Land, gemeinsam mit den anderen europäischen Staaten, durch die gegenwärtig schwierigen Zeiten zu führen. Er flößt Vertrauen ein, ohne dass er explizit zu erkennen geben müsste, wie genau sein politisches Programm aussieht.

Für welche Politik steht Martin Schulz?

Noch hat Schulz kein detailliertes Wahlprogramm vorgelegt. Er möchte Kanzler werden. Das hat er mehrfach unmissverständlich dargelegt. Und die steigenden Umfragewerte der SPD rücken dieses Ziel in greifbare Nähe. Martin Schulz rückt vergangene Woche erstmals deutlich vor Angela Merkel, deren Beliebtheit bisher trotz Kriesen und rechter Hetzer ungebrochen hoch war.
Mehr soziale Gerechtigkeit sowie der Kampf gegen Populisten und Nationalisten, diese Ziele könnte und wird auch die CDU in ihr Wahlprogramm schreiben und dem Wähler offerieren. Aber die SPD und Schulz möchten die große Koalition von CDU und SPD beenden, zurzeit scheint dies allerdings nur mit Hilfe der Linkspartei möglich zu sein.

Zusammenarbeit mit der Linkspartei?

Es ist kaum anzunehmen, dass SPD und Grüne alleine die zukünftige Regierung werden stellen können. Sollte die FDP wieder in den Bundestag einziehen, wird sie wohl nicht als Koalitionspartner für SPD und Grüne in Frage kommen. Also bleibt nur eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei.
Was aber passiert, wenn Schulz diese Karte offen ausspielt? Zu befürchten ist, dass er damit die Wechselwähler der Mitte verliert, auf deren Stimmen er gleichzeitig angewiesen ist. Die Frage nach möglichen Koalitionspartnern nach der Wahl auszuklammern, dürfte viele Wähler irritieren, die Schwierigkeiten mit der ehemaligen SED-Partei haben.


Video: klare haltung gegen Rassismus im EU-Parlament: Martin Schulz wirft Abgeordneten aus Plenarsaal

Europapolitik als Chance

Martin Schulz ist der Europapolitiker schlechthin. In diesen Tagen ist viel von Europaverdrossenheit die Rede, aber dieses Eindruck dürfte täuschen. Wenn es Schulz gelingt, gemeinsam mit seiner Partei das Bild eines von zu viel Bürokratie entrümpelten Staatenbundes zu entwerfen, dürfte dies bei den Wählern der Mitte gut ankommen. Ja, es gibt rechtsnationale Tendenzen in Deutschland. In der öffentlichen Wahrnehmung wird aber zu oft vergessen, dass die Wähler der AFD mit einem zu erwartenden Stimmenanteilen von maximal 15 Prozent keineswegs repräsentativ sind für die Stimmung im Lande.

Kann Martin Schulz Kanzler werden?

Die Chancen von Schulz bei der Bundestagswahl liegen wesentlich höher als die von Sigmar Gabriel. Gabriel hat dies genau gewusst und deshalb Schulz den Vortritt gelassen.
Trotzdem wird es für Schulz schwierig, das gesteckte Ziel zu erreichen. Denn kaum eine Regierungszusammensetzung verkörpert den Wunsch vieler Wähler nach Sicherheit, Verlässlichkeit und einer bürgerlich ausgleichend geprägten Politik so sehr wie die große Koalition. Vielleicht zukünftig unter einem Kanzler Martin Schulz, sollte die SPD wider Erwarten stärker abschneiden als CDU/CSU.

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